Tunnel der lebenden Leichen


‘Beneath Modern London Lives a Tribe of Once Humans. Neither Men Nor Women...They Are the Raw Meat Of The Human Race!’


Originaltitel: Death Line (1972)
Regie: Gary Sherman Drehbuch: Ceri Jones & Gary Sherman
Darsteller: Donald Pleasence, David Ladd, Sharon Gurney FSK: 18


Die Siebziger Jahre waren voll von Horrorfilmen, die ihr unvorbereitetes Publikum auf eine neue Art und Weise zu packen wussten. Der Horror wurde zum Terror und damals bedeutete dieses Wort noch etwas.

"Mind the gap!"

Merkwürdige Dinge ereignen sich in der 'Russell Square' Station, einem eigentlich unbedeutenden Londoner U-Bahnhof. Das junge Pärchen Alex und Patricia findet einen bewusstlosen Mann auf den Treppenstufen ihrer üblichen Endstation und alarmiert sogleich einen Bobby. Als die drei zum Ort des Geschehens zurückkehren, ist der Mann verschwunden. Police Inspector Calhoun (Donald Pleasence in Topform!) wird mit dem Fall beauftragt, von dem Alex überzeugt ist, es handele sich dabei lediglich um Trunkenheit auf der Treppe.

Nein, wir haben die Ehre!
Doch der Verschwundene war ein Regierungsbeamter und den kann auch der bornierte Inspector nicht einfach in den Aktenschrank für ungelöste Fälle schieben. Während Alex auf’s Neue von ihm gelöchert wird und auch der MI 5 seine Nase in die Angelegenheiten steckt, wird der Zuschauer auf die Fährte des Täters geschickt. In einem eingestürzten Neben-Tunnel haust ein kannibalischer Nachkomme verschütteter Bauarbeiter, furchtbar entstellt und nur von einem Gedanken beseelt: Futter für seine schwangere Gefährtin herbei zu schaffen. Für Alex und Patricia scheint der Spuk ein Ende zu haben, doch als die beiden durch Zufall an ihrer Station getrennt werden, gerät das Mädchen mitten in den ’Tunnel der lebenden Leichen’…

Na schön, der deutsche Titel kommt einmal mehr aus den zugekifften Räucherbirnen hiesiger Verleiher, aber ‘Raw Meat’ (dessen Tagline auch nicht das Geringste mit dem Film selbst zu tun hat) ist einer jener einzigartigen Beiträge zum Horrorgenre, die mittlerweile völlig zu Unrecht vergessen wurden.

Lovely, young 70's People
Schon zu Beginn des Films bekommen wir einen eigentümlich inszenierten Vorspann im düsteren 70er Flair, inklusive brodelnder Swing Musik zu schmecken, der zur Einstimmung nahezu perfekt ist. Technisch glänzt ’Raw Meat’ mit exzellenter Photographie und vor allem die Kamerafahrt zu Beginn des 2. Drittels, in der dem Zuschauer die Behausung der unterirdische(n) Gestalte(n) vorgeführt wird ist absolut fesselnd.
’Tot & Begraben’ Regisseur Gary Sherman ging nicht sparsam mit dem roten Lebenssaft um und verwendete für die verunstalteten Masken recht eindrucksvolles MakeUp, welches seine schockierende Wirkung nicht verfehlen sollte.
Hauptdarsteller David Ladd mag ein wenig blass und verloren wirken (was seiner Rolle als amerikanischer Student nicht unbedingt schadet) und seine Partnerin nervt zunächst ein wenig mit ihren pflichtbewussten Ausbrüchen (“It was our duty!”), doch das dürfte dann auch schon die einzige Schwachstelle in ’Tunnel der lebenden Leichen’ (welch sinniger deutscher Titel!) sein. Besonders auffällig wird das auch eher selten, denn entweder funkt die spannende Atmosphäre der düsteren Tunnelanlagen oder der eigentliche Star dieses Films, nämlich Donald Pleasence dazwischen (“Why don’t you hurry back to your school, Mr. Campbell. There might be a protest march for you to join. … Get your hair cut!”).

Hier ist Fütterungszeit...
Was Pleasence hier abliefert ist ganz Schauspiel-Kino. Er geht dermaßen in der Rolle des arrogant-schnippischen und doch sympathischen Britcops auf, dass es eine zweifache Gutmachung für seine Aufftritte in Schundgraupen wie ’Warrior Queen’ ist. Seine Leistung ist ein Highlight einer langen, erfolgreichen Karriere.
Ebenfalls mitreißend: Hugh Armstrong. Dessen Darstellung des verwahrlosten Kannibalen (“Mind the doors!“) ist widerlich und faszinierend zugleich. Die anfängliche Fürsorge gegenüber seiner Gefährtin ist so bewegend (wenn nicht sogar schon rührend), wie seine Präsenz in Gegenwart seiner Opfer bedrohlich ist. Eine solch ergreifende Darstellung eines ’Ungeheuers’ bekommt man nicht alle Tage zu sehen (schon gar nicht heutzutage. Siehe auch das ’Raw Meat’-Quasi-Remake ’Creep’ mit Franka Potente).
Nicht unerwähnt bleiben darf auch die herrliche Begegnung zwischen MI 5 Agent Christopher Lee mit Schirm, Charme und Melone und Schreibtischbulle Donald Pleasence (“MI 5, my arse!“). der dem Inspektor ordentlich Wortfeuer gibt. Im Gegensatz zu ’Carry On’ Darsteller Norman Rossington (auch aus 'A hard day's night' bekannt), dessen Zusammenarbeit mit Pleasence dem Film auch einen nicht unerheblichen Schuss an britischem Humor verpasst.

...hier auch.

’Raw Meat’ ist ein in beinahe jeglichen Belangen herausragender Horrorfilm, aus einer Dekade, die an Perlen dieses Genres nicht gerade arm war. Very british, pretty bloody and bloody scary!



PS: Vorzüglich im englischen Original anschauen!
PPS: “MIND THE DOORS!“


Hudson